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Was Unternehmensberichte über die Kommunikationslogik deutscher Konzerne verrät

Lesedauer: 4 Minuten

In den Risikoberichten deutscher Großunternehmen ist die Krisendichte hoch: Bürokratie, Cyberangriffe, Geopolitik und Fachkräftemangel. Doch wer sich die Vorworte der CEO‘s anschaut, bekommt oft ein ganz anderes, viel ruhigeres Bild.  Herausgefunden hat das der Crunchtime Risikomonitor, eine wissenschaftliche Kooperation der gleichnamigen Kommunikationsagentur sowie der Universität Hohenheim.  

Frühling ist Hauptversammlungssaison der börsennotierten Unternehmen in Deutschland.  Aktionärinnen und Aktionäre, Vorstände und Geschäftsführende kommen zusammen, um über das vergangene Geschäftsjahr und künftige Entwicklungen zu sprechen. Wichtiger Bestandteil der Versammlungen sind die Geschäftsberichte. Die Kommunikationsberatung Crunchtime Communications und Wissenschaftler der Universität Hohenheim haben 134 dieser Berichte untersucht. 

Das zentrale Ergebnis: In den Geschäftsberichten der DAX-Konzerne treffen zwei unterschiedliche Deutungen der Lage aufeinander. Die Risikoberichte zeichnen ein immer detaillierteres Bild möglicher Gefahren, während die Vorstandsvorsitzenden in ihren Vorworten deutlich zuversichtlichere Töne anschlagen. Aus kommunikationstheoretischer Perspektive verweist dieser Befund auf ein Spannungsverhältnis, das auch unternehmenspolitisch relevant ist. Denn Geschäftsberichte erfüllen nicht nur eine Dokumentationspflicht, sie dienen auch der öffentlichen Selbstbeschreibung. Die Risikoberichte zeigen, welche Entwicklungen Unternehmen als Bedrohung wahrnehmen. Die Vorworte der Vorstandsvorsitzenden vermitteln dagegen, welches Bild der Lage das Topmanagement nach außen tragen möchte.  

Risiko ohne Ende?  

Im Vergleich zum Risikomonitor 2023 hat die Risikosensibilität der Unternehmen deutlich zugenommen. Besonders auffällig ist die Breite der wahrgenommenen Risiken: Während die untersuchten Unternehmen 2023 im Durchschnitt rund sieben Risikothemen nannten, waren es 2025 bereits zehn – ein Anstieg von rund 30 Prozent innerhalb von zwei Jahren.  

Noch stärker fällt die Entwicklung bei den als besonders kritisch eingestuften Risiken aus.  2023 identifizierten die Unternehmen im Durchschnitt lediglich ein Risikothema mit einer Bewertung von über 80 Prozent. 2025 waren es bereits sieben. Die Zahl der als gravierend wahrgenommenen Risiken hat sich damit versiebenfacht. Für die Autor:innen ist dies ein Hinweis darauf, dass die deutsche Wirtschaft in zunehmend unsicheres Fahrwasser gerät und große Unternehmen die bestehenden Herausforderungen mit wachsender Sorge betrachten. Gleichzeitig beobachten sie, dass viele Unternehmen ihre Risikoberichte eher fortschreiben als regelmäßig an veränderte Rahmenbedingungen anpassen. Dies könnte erklären, warum sich die Zahl der genannten Risikothemen im Zeitverlauf kumulativ erhöht.  

Ich beschreib die Welt, wie sie mir gefällt 

Wer dagegen die Vorworte der untersuchten Berichte liest, gewinnt den Eindruck, Risiken spielen für die Vorstandsvorsitzenden in der Kommunikation kaum eine Rolle. Nach dem Bericht der Wissenschaftler wird in mehr als jedem dritten Vorwort überhaupt kein Risiko erwähnt. Und selbst wenn Risiken angesprochen werden, bleibt es meist bei einem einzelnen Thema. Im Durchschnitt greifen Vorstandsvorsitzende gerade einmal eines von elf Risiken auf, die ihre Unternehmen an anderer Stelle im Geschäftsbericht ausführlich beschreiben.  

Wenn Risiken zur Sprache kommen, dann vor allem geopolitische Entwicklungen. Mehr als ein Drittel der Vorstandsvorsitzenden verweist auf das schwierige globale Umfeld – häufig jedoch nur, um anschließend die eigene Widerstandsfähigkeit und Handlungsfähigkeit zu betonen. Weniger oft erwähnen die CEO‘s marktbezogene Themen wie verändertes Kundenverhalten oder zunehmender Wettbewerb. Risiken, die viele Unternehmen operativ stark beschäftigen, spielen in den Vorworten kaum eine Rolle. Cyber-Vorfälle und der Fachkräftemangel werden von wenigen Vorstandsvorsitzenden erwähnt. Über Cyber-Risiken sprechen Vorstandsvorsitzende meist erst dann, wenn das eigene Unternehmen bereits betroffen war.  

Die Lücke zwischen den Risikoberichten und den Vorworten der Vorstandsvorsitzenden ist kaum zu übersehen. Während die Risikoberichte immer umfangreicher werden, zeichnen viele Vorstandsvorsitzende weiterhin das Bild eines Unternehmens, das die Lage im Griff hat und optimistisch nach vorne blickt. Genau darin könnte auch ein Grund für die wachsende Diskrepanz liegen: Risikoberichte entwickeln sich zunehmend zu fortgeschriebenen Katalogen. Einmal aufgenommene Risiken bleiben bestehen, neue kommen hinzu. So ist die Pandemie aus den Vorworten praktisch verschwunden. In den Risikoberichten hingegen wird sie weiterhin in vier von zehn Berichten aufgeführt. Und das, obwohl sie für die öffentliche Kommunikation der Vorstandsvorsitzenden keine Rolle spielt.

Strategische Kurzsichtigkeit: Wenn CEO‘s zu Risiken schweigen  

Die Lücke zwischen Risikobericht und Vorwort ist aus Sicht der Studienautor:innen nicht nur ein kommunikatives Stilproblem. Sie hat nach ihrer Einschätzung handfeste strategische Konsequenzen. 

Johannes Fischer, geschäftsführender Gesellschafter von Crunchtime und Lehrbeauftragter für Krisenkommunikation an der Universität Hohenheim, warnt vor den Folgen einer zu glatten Außendarstellung: „Unternehmen, die vor tiefgreifenden Veränderungen stehen, sollten ein klareres Lagebild vermitteln. Sonst wird es kaum gelingen, intern wie extern die nötige Akzeptanz und Unterstützung für schwierige Maßnahmen zu gewinnen.“ Hinzu kommt, so Fischer, das Vertrauensproblem: „Wenn Risikoberichte überquellen und CEO‘s zu Risiken schweigen, entsteht ein Bruch, der Vertrauen kostet.“ 

Sein Fazit ist entsprechend klar: „In jedem Fall sollte die Inkonsistenz zwischen Risikobericht und CEO-Vorwort aufgelöst werden. Es braucht eine konsistente, glaubwürdige Risikokommunikation.“ 

TOP 3
LEARNINGS

  1. Die Risikosensibilität steigt: Unternehmen nennen heute deutlich mehr und schwerwiegendere Risiken als noch 2023.  
  2. Bericht und Vorwort widersprechen sich: Während Risikoberichte ein angespanntes Lagebild zeichnen, kommunizieren CEO‘s meist deutlich optimistischer. 
  3. Die Diskrepanz ist strategisch relevant: Uneinheitliche Risikokommunikation kann Vertrauen schwächen und die Akzeptanz schwieriger Maßnahmen erschweren.

Zur Studie

Autor:innen: Prof. Dr. Frank Brettschneider und Johannes Fischer

Methode: Dokumentenanalyse

Erhebungszeitraum: 2024-2025

Autor/in

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