Politische Umfragen prägen die öffentliche Debatte in Deutschland. Doch wie glaubwürdig nehmen die Menschen solche Umfragen wahr? Eine Studie von Florian Woschnagg und Matthias Karmasin zeigt: Nicht die Medienmarke oder die Menge an Detailinformationen entscheiden über Vertrauen, sondern vor allem die wahrgenommene Kompetenz der Quelle.
Ob Sonntagsfrage oder Politikbarometer: Deutsche Medien berichten regelmäßig über politische Meinungsumfragen. Sie bilden die politische Stimmung zur aktuellen Regierung oder zu bestimmten Themen ab. Damit bieten sie Medien, Parteien und Bürger:innen Orientierung. Gleichzeitig kritisieren viele Menschen diese Umfragen und ihre Ergebnisse.
Wie glaubwürdig finden Zuschauer:innen diese Umfragen und welche Faktoren beeinflussen diese Wahrnehmung? In einer Studie versuchen Florian Woschnagg (Universität Klagenfurt) und Matthias Karmasin (Österreichische Akademie der Wissenschaften), genau das herauszufinden. Dafür vergleichen sie zwei unterschiedliche Darstellungsformen von politischen Umfragen, im Stil eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders und eines Boulevard-Senders. Die Autoren der Studie interpretieren die Ergebnisse wie folgt: Glaubwürdigkeit hängt weniger von der Medienmarke selbst ab als von der wahrgenommenen Kompetenz der Quelle und der Art, wie Informationen aufbereitet werden.
Seriosität und Details = mehr Glaubwürdigkeit?
Die Forschenden konfrontierten 1.600 Teilnehmende in einem online durchgeführten Experiment mit verschiedenen Versionen eines Medienangebots zu einer Wahlbefragung. Einige Teilnehmende des Experiments sahen die Informationen im Stil eines öffentlich-rechtlichen TV-Senders, andere im Stil eines Boulevardmediums.
Zudem wurde die Detailtiefe der Darstellung variiert. Einige Teilnehmende sahen lediglich das Ergebnis. Andere erhielten zusätzliche Angaben zur Methodik der fiktiven Umfrage, zum Beispiel zur Stichprobengröße, zum Erhebungszeitraum oder zum statistischen Fehler.
Anschließend fragten die Forscher die Teilnehmenden unter anderem, wie glaubwürdig sie die Informationen finden und wie kompetent sie das gezeigte Medium einschätzen. Die Forschenden vermuteten, dass der öffentlich-rechtliche Sender grundsätzlich als kompetenter wahrgenommen wird als das Boulevardmedium. Dadurch erscheinen die Umfrageergebnisse glaubwürdiger als im Boulevardkontext. Außerdem gingen die Forschenden davon aus, dass zusätzliche Informationen zum statistischen Verfahren den Eindruck von Glaubwürdigkeit verstärken. Ebenso nahmen die Autoren an, dass höhere Kompetenz eher mit dem öffentlich-rechtlichen Sender und mit höherer Glaubwürdigkeit in Verbindung gebracht wird.
Warum mehr Informationen Zweifel wecken
Genau diese Annahmen traten jedoch nicht ein – im Gegenteil: Die Forschenden fanden keinen klaren Unterschied in der wahrgenommenen Glaubwürdigkeit der beiden Medienmarken. Die Teilnehmenden bewerteten die Berichterstattung zur fiktiven Wahlumfrage im öffentlich-rechtlichen TV-Sender und im Boulevardmedium als ähnlich glaubwürdig. Auch detailliertere Informationen zur Methodik der fiktiven Umfrage führen nicht zu einer höheren Glaubwürdigkeit, sondern hatten sogar eine niedrigere Glaubwürdigkeit zur Folge.
Stattdessen fanden die Autoren einen anderen Zusammenhang: Wenn Nutzer:innen die Kompetenz eines Mediums hoch bewerten – etwa, weil sie den Journalist:innen zutrauen, einen Sachverhalt korrekt darzustellen –, stärkt dies gleichzeitig die Glaubwürdigkeit der Information.
Woran hat es gelegen?
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine transparentere Darstellung der Umfrage-Ergebnisse nicht automatisch zu mehr Vertrauen in Informationen führt. Im Gegenteil: Zu viele Details können das Vertrauen sogar senken. Eine mögliche Erklärung: Zuschauer:innen verstehen die statistischen Details nicht oder sind davon überfordert. Entscheidend ist stattdessen, wie kompetent ein Medium wahrgenommen wird. Wenn also Nutzer:innen einem Medium eine hohe Kompetenz zuschreiben, erhält das Medium auch höhere Glaubwürdigkeitswerte.
Für alle Kommunikationsprofis gibt es aber auch einen großen Wermutstropfen: Den stärksten Einfluss auf die wahrgenommene Glaubwürdigkeit hatte in dieser Studie, ob die präsentierte Information die bestehende Meinung der Teilnehmenden bestätigte.
TOP 3
LEARNINGS
- Mehr Details in politischen Umfragen führen nicht automatisch zu mehr Vertrauen. Zusätzliche methodische Informationen können sogar Skepsis verstärken.
- Die Medienmarke allein ist nicht entscheidend. Öffentlich-rechtlich und Boulevard unterscheiden sich kaum in der wahrgenommenen Glaubwürdigkeit.
- Kompetenz ist ein zentraler Faktor für Glaubwürdigkeit. Wer als kompetent wahrgenommen wird, dem wird eher geglaubt.
Zur Studie
Autor:innen: Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA e.V.
Methode: Online-Experiment, 3×2 between-subjects Design
Stichprobe: 1.600 Teilnehmende
Erhebungszeitraum: 17.11.2023 bis 29.11.2023