Das Internet radikalisiert unsere Jugend – so eine weit verbreitete Schlussfolgerung. Wer sich damit zufrieden gibt, unterliegt jedoch einem gefährlichen Trugschluss. In ihrer Überblicksstudie „Radikal Online – Das Internet und die Radikalisierung von Jugendlichen“ aus 2018 untersuchen die Wissenschaftler:innen Roman Knipping-Sorokin und Teresa Stumpf die Ursachen und Wirkungen genauer. Dazu klären sie zunächst zentrale Begriffe, die oft ungenau verwendet werden: Jugend, Radikalisierung und Extremismus. Am Ende stoßen sie auf eine für die Wissenschaft unbequeme Wahrheit.
Kein Krimi, sondern Realität: Eine 16-jährige Münchnerin reist 2015 über die Türkei nach Syrien, um sich dem „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen. Die Reise des Mädchens ist kein Einzelfall. Den bayerischen Behörden sind zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Fälle bekannt, in denen in Deutschland lebende Frauen über soziale Netzwerke und Whatsapp-Gruppen angeworben werden und sich aufmachen, Mitglied des IS zu werden. Solche Geschichten verleiten Politik und Öffentlichkeit zu vorschnellen Schlüssen. Die Realität ist jedoch komplexer. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Radikal online“: Plausible Erklärungen sind kein belastbarer Forschungsstand.
Der erste Denkfehler
Es klingt pedantisch und ist doch für die weitere Betrachtung des Themas entscheidend: Eine Person kann radikale Ansichten vertreten, ohne extremistisch zu sein. Und nicht jede extremistische Person ist gewalttätig oder richtet sich gegen die Verfassung. Ebenso wird jemand mit extremistischem Gedankengut nicht automatisch zum oder zur Terrorist:in. Genau hier liegt das Problem. Denn die Forschung, so kritisieren die Autoren der Studie, konzentriere sich nur auf den gewaltorientierten Extremismus. Dabei stellen sie während ihrer Recherche fest, „werden Radikalisierungsprozesse, die nicht zu Gewalt führen, übersehen, obwohl gerade hier die Manifestierung von Radikalisierungsprozessen zu beobachten sein könnte.”
Der zweite Denkfehler
Auch bei der Radikalisierung von Jugendlichen lohnt sich ein zweiter Blick. Obwohl die Forschung oft über die Jugendlichen spricht, ist diese Lebensphase kaum erforscht. Im deutschsprachigen Raum, so stellen Knipping-Sorokin und Stumpf fest, gebe es überhaupt keine wissenschaftlichen Arbeiten, die explizit die Radikalisierung von Jugendlichen über das Internet erforschen oder Einblicke in deren Radikalisierungsverlauf geben würden. Ein fataler, blinder Fleck. Denn die Untersuchung zeigt: Kinder und Jugendliche sind für radikale und extremistische Strömungen besonders empfänglich. Ein Grund dafür liegt in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und der Suche nach einer eigenen Identität. In dieser Phase probieren sie Ideen und Sichtweisen aus und sind daher leichter beeinflussbar.
Der dritte Denkfehler
Kommen wir zum vermeintlichen Hauptverantwortlichen: dem Internet. Für die Autor:innen steht außer Frage, dass „Indem das Internet mit der Lebenswelt junger Menschen heutzutage untrennbar verwoben ist, bieten sich für extremistische Organisationen vielfache Möglichkeiten, um die Jugendlichen mit ihrem radikalen Gedankengut in Berührung zu bringen.” Über das Internet erhalten Menschen Zugang zu Propaganda. Dort erleben sie ein Gemeinschaftsgefühl, das ihnen offline oft fehlt. Zugleich bietet es eine vermeintliche Anonymität. Durch algorithmische Verstärkung kann das Internet Radikalisierungsprozesse zudem beschleunigen. Damit sind wir beim dritten Denkfehler. Die Autor:innen stellen heraus: „Dem Resonanzraum Internet kommt dabei sowohl eine ermöglichende, als auch eine beschleunigende Wirkung im Zusammenhang mit Radikalisierungsprozessen zu.” Nicht mehr und nicht weniger. Es kann also begünstigen und verstärken, aber nicht allein erklären. Radikalisierung entsteht vielmehr aus dem Zusammenspiel sozialer, gruppenbezogener und individueller Faktoren. Das Internet ist somit weder unschuldig noch allmächtig. Die zentrale Erkenntnis der Studie lautet: Nicht nur die Realität ist komplex – auch die Forschung muss dieser Vielschichtigkeit gerecht werden. Zu Recht kritisieren die Autor:innen, dass viele wissenschaftliche Beiträge erkennbar politischen oder privaten Interessen folgen.
Die Realität ist nicht einfach
Das Leben ist nicht schwarz oder weiß. Wer die Radikalisierung von Jugendlichen im Netz oder auf der Straße verstehen will, muss diese einfache und zugleich schwer auszuhaltende Tatsache akzeptieren. Die Studie „Radikal Online“ hilft, sich dem Thema zu nähern. Sie bietet einen fundierten, wenn auch naturgemäß unvollständigen Überblick.
Der eingangs beschriebene Fall der heute mittlerweile 27-jährigen Frau mahnt zur ehrlichen und nüchternen Beschäftigung mit diesem Thema. Gegen sie ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft wegen „IS-Terrorfinanzierung“. Sie soll über den Nachrichtendienst Telegram zehntausende Euro für die Terrororganisation eingetrieben haben.
TOP 3
LEARNINGS
- Radikalisierung ist komplexer als „das Internet ist schuld“: Das Netz kann Prozesse ermöglichen und beschleunigen, erklärt sie aber nicht allein.
- Begriffe müssen sauber getrennt werden: Radikal, extremistisch, gewaltbereit und terroristisch sind nicht dasselbe – wer sie vermischt, zieht falsche Schlüsse.
- Jugendliche sind besonders anfällig, aber zu wenig erforscht: Gerade ihre Identitätssuche macht sie empfänglich für radikale Angebote, doch belastbare Forschung zur Online-Radikalisierung Jugendlicher fehlt weitgehend.
Zur Studie
Autor:innen: Roman Knipping-Sorokin und Teresa Stumpf
Methode: Metastudie
Erhebungszeitraum: 2017-2018